Interview mit Annette Himstedt

November 2007


Frage 1:
Wie wurde die Zeitschrift "Brigitte" auf Sie und Ihre Portraitpuppen damals aufmerksam und wann ungefähr war das? Brachte das damals große Popularität?


Annette Himstedt:
Ich habe damals Ende 1983/Anfang 1984 alle Frauenzeitschriften angeschrieben, ob sie Interesse hätten, einen Artikel über meine Puppen zu veröffentlichen.

Keine hat sich gemeldet außer die damalige Brigitte Redakteurin. Sie sagte, dass sie sehr interessiert wären, aber ich sollte Kinder porträtieren, die dann ihre eigene Puppe im Arm halten sollten. Ich habe mir Kinder aus der Nachbarschaft gesucht und habe sie porträtiert. Die Brigitte Redakteurin kam mit einen Team von 5 Personen zu mir nach Hause. Ich lebte damals noch in einem Ort ca. 30 km von Paderborn entfernt.

Sie blieben 2 Tage und haben die Kinder mit ihren Puppen fotografiert. Das hat eine Lawine ausgelöst. Es folgten eine Unmenge von Zeitungen und Magazinen unter anderem auch das Lufthansabordbuch und die Zeitschrift Winners.

Das Lufthansabordbuch hat alle Rekorde gebrochen. Es war so ein Ansturm, den ich nicht mehr bewältigen konnte.

Unter anderem war ein Scheich aus den Emiraten, der seine Tochter und seine Nichte porträtiert haben wollte und ich sollte für ein paar Monate zu ihm kommen.

Ich habe nichts dergleichen gemacht, denn ich wollte keine Porträtpuppen im Auftrag machen, sondern ich wollte frei arbeiten.

Danach kam eine große Anzahl von Fernsehauftritten. Die amerikanischen "News" waren bei mir und haben mich bei meiner Arbeit efilmt. Es wurde in Amerika am  23. Dezember 1994 ausgestraolt. Das japanische Fernsehen war bei mir und noch verschiedene überregionale Fernsehsender.

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Frage 2:
Ich habe gehört, dass Sie einmal im Fernsehen (ich glaube bei Thomas Gottschalk) aufgetreten sind - können Sie sagen, in welcher Sendungund wann das war? Existiert davon noch ein Mitschnitt in Ihrem Archiv?

Annette Himstedt:
Ja, bei Thomas Gottschalk war ich mit den Kindern, den Puppen und deren Müttern. Im Bus sind wir nach München zur Aufnahme gefahren. Es war sehr lustig.

Dann war ich in einer Sendung mit Mareike Amado und Jürgen von der Lippe. Dann sollte ich beim „großen Preis“ mit Wim Tölke auftreten. Er hat persönlich bei mir angerufen, ich war damals sehr erstaunt.

Das habe ich dann aber nicht mehr gemacht, auch habe ich dann keine Interviews mehr gegeben, denn in den meisten Zeitschriften und auch Zeitungen wurde alles Mögliche geschrieben nur nicht das, was ich gesagt habe.

Von den meisten Fernsehauftritten habe ich ein Videoband. Von dem amerikanischen aber nur das amerikanische System. Ich habe sie mir alle nie angesehen, weil mir das nicht wichtig war. Ich hatte ganz andere Ziele und nicht das Bedürfnis meine Person in den Vordergrund zu stellen, sondern ich wollte frei arbeiten und selbst bestimmen was veröffentlich wird und mich nicht manipulieren lassen.
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Frage 3:
Warum haben Sie sich damals entschieden eigenständig Vinylpuppen auf den Markt zu bringen - anstatt vielleicht bei einem anderen größeren Puppen- unternehmen unter Vertrag zu arbeiten? z.B. Götz, Sigikid oder Zapf?

Annette Himstedt:

Das war auch der Grund, weshalb ich nicht mit anderen Firmen gearbeitt habe. Denn diese Firmen hätten nur in ihrem eigenen Interesse gehandelt und nicht in meinem.

Kein Angebot konnte mich locken und glauben Sie mir, alle haben mir Angebote gemacht, eine hat mir sogar eine Firmenbeteiligung angeboten.

So war das auch mit Unicef. 1985 ist Unicef an mich herangetreten und hat mich gefragt, ob ich aus verschiedenen Kontinenten Kinder modellieren könnte in Porzellan, die dann auf einer großen Fernsehgala versteigert werden sollten. Diese Sendung sollte Joachim Fuchsberger moderieren. Das hat mir gefallen und ich habe sofort gesagt, dass ich die Puppen spende. Ich habe Unicef schon seit meiner frühen Jugend unterstützt.

Ich bin dann mit einem Unicefbeauftragten für 4 Tage in den Senegal geflogen und habe Afrika wirklich erlebt. Wir sind dann zu dritt mit einem Entwicklungshelfer in die Slums und in das tiefste Land gegangen. Wir haben mit einem Kanu einen Fluss überquert der nur aus Schlamm bestand.
Uns kam ein Häuptling entgegen, der gerade gegen Cholera „geimpft“ wurde, weil in seinem Dorf die Cholera ausgebrochen war. Die Impfung wurde mit einem Rasiermesser ausgeführt, ich habe den Schnitt gesehen.

Wir sind dann in ein Dorf gegangen, es war in der Mittagshitze, ich war kurz vor einem Hitzeschlag, das fühlt sich nicht gut an. Wir sind dann in die Dorfmitte unter einen großen Baum gegangen, das war der Treffpunkt der Dorfältesten, die sich dort jeden Tag trafen. Der Entwicklungshelfer hat in meinem Namen gefragt, ob ich die Kinder fotografieren dürfte, nach langem Hin und Her haben sie es mir erlaubt.Sie haben aber nur Jungs holen lassen. Als ich sie bat, auch Mädchen fotografieren zu dürfen, haben sie sich geweigert. Sie haben wirklich gesagt, Mädchen seien nichts wert. Sie konnten gar nicht verstehen, dass ich es unbedingt wollte. Ich habe es dann doch noch geschafft, sie zu überzeugen.

So kam es, dass ich unter anderem auch Fatou fotografiert habe, ein ganz schüchternes und ernstes Mädchen. – Wen wundert das - .

Übernachtet haben wir in einer Lehmhütte auf dem nackten Fußboden ohne Decken oder ähnliches. Die Kakerlaken liefen auf dem Boden herum, sie waren überall. Es war kein Wasser da und nichts, was auch nur an Hygiene erinnert. Ich habe mir dort eine Salmonellenvergiftung geholt, die im Nachhinein sehr schwierig auszukurieren war.
Ich habe in den Jahren viel erlebt, was oft auch sehr schwer war. Als wir dann wieder zuhause waren, hat Unicef das Konzept geändert. Sie wollten von den Puppen, die ich gemacht habe, 20 cm kleine Puppen machen die zwischen 20 und 30 DM damals liegen sollten, und von denen 5 DM für Unicef sein sollte.
Ich wusste genau, dass es das Ende von meinen Puppen bedeuten würde. Für 20 DM eine einigermaßen ansehnliche Puppe herzustellen, ist einfach unmöglich. Ich habe abgesagt!

Das war das Erlebnis mit Unicef. Und so war es mit allen, die mit mir arbeiten wollten.
In den ersten 10 Jahren hatte ich mit den Vertrieben noch Lizenzverträge und das heißt, dass der Lizenznehmer (also die Vertriebe) das Recht haben, zu produzieren. Niemandem habe ich das Recht bewilligt, trotz der Verträge und alle haben sich daran gehalten. Schlimm war es mit Mattel, ich habe einen 10 Jahre langen Kampf geführt, denn Mattel hatte noch nie ein Produkt gekauft und nur vertrieben. Mattel produziert alle Artikel selbst.  Immer wenn ich bei Mattel war, zu den Signiertouren, habe ich vor 8 – 10 Leuten gesessen die mich davon überzeugen wollten, dass es besser wäre, die Puppen bei Mattel zu produzieren. So eine Zusammenarbeit mit Mattel und mir hat es und wird es auch nie wieder geben. Aber letztlich hat Mattel es akzeptiert. Sie haben nach außen zwar immer so getan, als wenn sie die Puppen herstellen würde, was mich zugegebener Maßen sehr geärgert hat, aber sie haben sie von mir gekauft und dann vertrieben.
Es war eine sehr schwere Zeit für mich und nach 10 Jahren habe ich den Vertrag gekündigt und den Vertrieb in den USA selbst gemacht.

Das war ab der Kollektion 1996. Der damalige Präsident von Mattel hat mich danach jedes Jahr auf der Toy Fair in New York besucht, das hat mich sehr gefreut. Ab 1996 habe ich bis auf Deutschland, die Puppen in allen Ländern selbst vertrieben. In Deutschland habe ich es ab 1998 selbst gemacht.

Mich von dem deutschen Vertrieb zu lösen, war sehr teuer für mich, ich musste einen Prozess führen, weil der Vertrieb die Puppen nicht aufgeben wollte.

In Holland ebenso, den Prozess habe ich ohne Einschränkung gewonnen.

Genauso war es mit der Vinyl Produktion in Spanien, auch da musste ich mich in einem Prozess loskaufen, ich habe zwar gewonnen, aber ich musste trotzdem viel Geld bezahlen.

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Frage 4:
Was hat Sie veranlasst, die Vinyl-Produktion von Spanien nach Deutschland zu verlegen?

Annette Himstedt:
Ih habe deshalb die Vinyl Produktion zu mir nach Paderborn verlagert, weil die Puppen immer aufwendiger wurden und die Zusammenarbeit auf die Entfernung bei den schwierigen Details nicht funktionieren konnte.
Sie haben ja selbst gesehen, wie wir hier arbeiten. So etwas ist nur möglich, wenn man alles im eigenen Haus hat.

Damals war es zwar noch nicht ganz so kompliziert und hochwertig, aber die Anfänge waren für mich erkennbar und ich wusste was ich wollte, aber die anderen wollten nicht, was ich wollte. Sie fanden alles zu aufwendig und zu schwierig. Es war aufreibend ohne Ende.

Das ist der Grund, warum ich mit keiner anderen Firma zusammengearbeitet habe. Für die anderen ging es nur um den Profit und überhaupt nicht um die Pupen. Die waren nur Mittel zum Zweck.

Wenn ich die Produktion in Spanien gelassen hätte oder wenn ich mich von den anderen Firmen hätte überreden lassen, bei ihnen zu produzieren, gäbe es meine Puppen heute nicht mehr.

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Frage 5:
Wissen Sie wie viele Clubgeschenke von 1998, kleines Lieschen, ungefähr hergestellt wurden?

Annette Himstedt:
Bei dem kleinen Lieschen konnte ich die ganz genauen Zahlen nicht sagen. Damals ist durch einigen Personalwechsel im Club nicht alles ganz genau festgehalten worden. Aber es waren mehr als 4.000 Stck.

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Frage 6:
Werden Sie in den nächsten Jahren wieder auf Messen (z.B. Nürnberger Spielwarenmesse) oder auf Börsen (z.B. Eschweger Puppenfesttage, DollArt in Darmstadt, ...) ausstellen?

Annette Himstedt:
Auf die Nürnberger Spielwarenmesse und die Toy Fair in New York gehen wir nicht mehr. Wir haben jetzt nur noch 33 Händler und diese beiden Messen sind nur Messen für Wiederverkäufer. Das lohnt sich nicht mehr, weil wir auch keine zusätzlichen Händler mehr aufnehmen.

Ob wir auf andere Veranstaltungen gehen werden, weiß ich im Augenblick noch nicht, aber mein Zeitmangel sagt im Augenblick „Nein“.
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Frage 7:
Werden Sie wieder ein Original herstellen - eine Porzellanpuppe die als Unikat oder Kleinst-/Kleinserie hergestellt wird - und auch nicht als Manufakturpuppe (Vinyl/ Porzellan) auf den Markt kommt?

Annette Himstedt:
Es kann sein, dass ich mal wieder eine Porzellanpuppe machen werde, dann aber nur eine ganz kleine Auflage. Eine Vinyl Puppe mache ich aber ganz sicher nicht in Porzellan.

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 Angelika Fischer


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